Soetelsche Muhresoat

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts traten in unserer Region große Probleme in der Tierernährung auf. Die Unverträglichkeit der damals eingesetzten Futtermittel, wie Raps, Kohl und Steckrüben führten beim Vieh zu Durchfällen, Gewichtsverlusten und schlechtem Ernährungszustand. Dadurch war die Existenz vieler Landwirte unmittelbar gefährdet. Den im Jahre 1841 geborenen Paul Luhnen vom Lemmenhof in Süchteln-Vorst brachte diese Lage dazu, sich ab 1870 mit der Züchtung und Veredelung der gelben Möhre zu beschäftigen. Sein Ziel war eine geeignete Möhre, welche alle Voraussetzungen als ein ideales Viehfutter mit vielen ernährungs- wichtigen Faktoren aufweisen sollte.

Es dauerte Jahre, bevor Luhnen die ersten sichtbaren Ergebnisse verzeichnen konnte. Neben botanischen Kenntnissen waren aber auch ein bißchen Glück und ein geeigneter Boden Bedingungen für die erfolgreiche Kultivierung. Der leichte sandige Bruchboden bot hierzu eine hervorragende Grundlage. Rings um den Lemmenhof befanden sich etliche Felder, die von Luhnen und später auch seinem Sohn Hermann, ausschließlich für die Möhrenzucht genutzt wurden. Es gelang die Kultivierung einer großwurzeligen, gelben Möhre und schon bald sprach man überall von der
„Süchtelner Möhrensaat“ ( Soetelsche Muhresoat ).

Um 1880 verfütterte er seine Züchtung zu Versuchszwecken an den eigenen Tierbestand, in dem dann sehr schnell, die vorher beschrieben Ernährungsschwierigkeiten, nicht mehr vorhanden waren. Dieser Erfolg sollte nicht lange unbemerkt bleiben und so wurde der Süchtelner Möhrensamen eine Sensation in landwirtschaftlichen Kreisen. Man sprach später von einer neuen Ernährungsmethode in der Tierzucht. Waren es zunächst nur die bäuerlichen Kameraden aus Süchteln, kamen die Landwirte bald auch aus der weiteren Umgebung und später sogar aus dem gesamten Rheinland, um sich bei Luhnen Rat und Tat zu holen. Aufgrund der großen Nachfrage legte er noch mehr Zuchtfelder an, um alle Interessenten mit dem Samen der „Süchtelner Möhre“ beliefern zu können. Im Laufe der folgenden Jahre wurde der Erfolg der neuen Fütterungsmethode immer sichtbarer. Bald verlangte man überall nicht nur irgendeine gelbe Möhre, sondern den „Süchtelner Möhrenssamen“. Große Fachgeschäfte für Sämereien wurden Stammkunden des Landwirten Paul Luhnen, der am 11. August 1926 im Alter von 85 Jahren verstarb. Moderne Fütterungsmethoden ließen jedoch nach dem ersten Weltkrieg und im Laufe der nachfolgenden Zeit den Bedarf an gelben Möhren sinken und so geriet die Süchtelner Möhre immer mehr in Vergessenheit. Der Zuchterfolg von Paul Luhnen verschwand aber nicht gänzlich, sondern lebt heutigen Tages weiter unter der Bezeichnung „Lobbericher-Gelbe Futtermöhre“.

Die gelbe Süchtelner Möhre ( Daucus carota L.ssp.sativus Soetelensis )

Paul Rossié schildert um 1960 die Erinnerungen an seine Kindheit in Süchteln:
„In der Nähe der Landwehr waren vor 1900 prachtvolle Möhrenfelder angelegt.
Hier wurden die berühmten Süchtelner Möhren gezogen, eine besonders dicke und saftige gelbe Möhre von erheblicher Länge. Der Süchtelner Möhrensamen
war damals ein samentechnischer Begriff. Uns Jungen interessierten die Möhren damals sehr, weil sie ausgezeichnet schmeckten.“
 
Wurde die gelbe Möhre ursprünglich als Tierfutter gezüchtet, hielt sie wegen
ihres guten Geschmacks bald Einzug in die niederrheinischen bäuerlichen Küchen. Damals entstand auch das wohl bekannteste Gericht aus Süchtelner Möhren, das „Muhrepruchel“ genannt wird. Es ist ein Eintopfgericht, hauptsächlich bestehend aus Bohnen, Möhren, Suppengrün und in Würfel geschnittenen Kartoffeln, sowie einem Stück geräuchertem Speck.

1956 hatte das gemeinsame Muhre-Pruchel-Essen bereits eine lange Tradition

Und im Jahre 1962 organisierte der Süchtelner Karnevalsverein Hagenbroich, hier im Ort den ersten Karnevalsumzug, unter Prinz Heinrich I. ( Körfers ). Das Motto war, wie konnte es auch anders lauten: „Soetelsche Muhresoat“. Bis heute hat sich die Tradition bewahrt und wer einmal das Vergnügen hatte, den Süchtelner Karneval zu erleben, wird sich des originellen, überall ertönenden dreifachen Hochrufes auf die
Süchtelner Möhre wohl immer wieder gerne erinnern.

Ehrenpokal der Karnevalsgesellschaft Hagenbroich – Windberg
( „Sötelsche Muhresoat“ - Dem SVV gewidmet K.G.H.W. 1929 )

Sötelsche Muhre-Fahnenhalter 2004

„Sötelsche Muhre...Soat...Muhre...Soat...Muhre...Soat”

Wer möchte, der kann sich jetzt erheben und die Süchtelner Karnevals-Hymne
( zur Melodie der britischen Nationalhymne „God save the Queen“ ) mit dem folgenden ( für jeden wohl verständlichen ) Text singen:
 

 â€žSö-tel-sche Muuh-re-soat, Sö-tel-sche Muuh-re-soat, Sö-tel-sche Soat.

Söö-tel-sche Muuuuh-re-soat, Söö-tel-sche Muuuuh-re-soat,

Söhö-tehel-schehe Muuh-re-soat, Söhö-tel-sche Soat.“

Die Briten singen oft auch folgenden Text zur Melodie der Süchtelner Nationalhymne:
“God save our gracious Queen, Long live our noble Queen, God save the Queen:
Send her victorious, Happy and glorious,
Long to reign over us: God save the Queen.”

Nach einer interessanten Überlieferung, hatte schon Kaiser Wilhem I. seine Freude
an dem Süchtelner Möhrenlied und so kam es, dass es mit folgendem Text,
Ende des 19. Jahrhunderts auch zur deutschen Nationalhymne wurde:

„Heil dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlands! Heil, Kaiser, dir!
Fühl in des Thrones Glanz, die hohe Wonne ganz,
Liebling des Volks zu sein! Heil Kaiser, dir!“

Helau