Der Humanist Aegidius Suchtelensis

Es gibt weltweit nur wenige traditionsreiche Bibliotheken, die nicht die eine oder andere Ausgabe eines lateinischen Lehrbuches aus dem 15. Jahrhundert besitzen, das „Elegantiarum viginti praecepta“ des „Aegidius Suchtelensis“. Das Werk, dessen Umfang in den meisten Ausgaben sechzehn Blatt nicht übersteigt, besteht aus den wichtigsten Regeln und Beispielen für ein vertieftes Studium der lateinischen Sprache. Der preußische Gesamtkatalog der Wiegendrucke weist allein für die Zeit bis 1500 aus dem Besitz der durch ihn erfaßten größten deutschen Bibliotheken 34 verschiedene Ausgaben nach, deren Drucker und Druckorte keinen Zweifel an dem Begehrtsein und der Verbreitung dieses Buches zulassen. Der Katalog nennt unter anderem Ausgaben von: Koelhoff und Quentel in Köln, Paffraet und Jakob von Breda in Deventer, Marchant und Denidel in Paris, Pynson in London und viele andere mehr. Für das beginnende 16. Jahrhundert verzeichnen die Annales Typographici von G. Panzer weitere Ausgaben, die meist bei den Leipziger Druckern Conrad Kachelofen und Melchior Lotter erschienen. Der Catalogue der Bibliotheque Nationale in Paris, sowie der Katalog des Britischen Museums in London, weisen als Verfasser der Elegantiae den Humanisten Aegidius von Süchteln aus. Sie berufen sich dabei auf J.G. Holtrops Catalogus Librorum Saeculo XV Impressorum ( quotquot in Bibliotheca Regia Hagana Asservatur - Den Haag ). Zu einem in der Den Haager Bibliothek vorhandenen Exemplar der Elegantiae, 1491 in Deventer von Jakob von Breda gedruckt, bemerkte Holtrop daß „een exemplaar van de ‚elegantarium viginti praecepta’ heeft op blaadt 1a de volgende aantekening in hs. 15de bis 16de eeuw ( in einer Handschrift des 15. bis 16. Jahrhunderts ): „Iste Codex Egidio asscribitur Suchtelensi insidenti loco“. Dieser handschriftliche Zusatz weist Egidius ( Aegidius ) von Süchteln eindeutig als Verfasser der Elegantiae aus.

So weit, so gut. Aber alle Bemühungen, diesem bedeutenden Autor Aegidius von Süchteln auf die Spur zu kommen blieben leider erfolglos. Weder die ältesten, meist recht ergiebigen biographischen Nachschlagewerke, sei es Zelder oder Jöcher, Foppens oder die Athena Belgica, noch die neuen biographischen Lexika, kennen seinen Namen. Erstaunlich genug bei einem Gelehrten, dessen Lateinbuch in zahlreichen Ausgaben, bei unterschiedlichen Druckern und in den verschiedensten Ländern erschienen ist. Diese Diskrepanz zwischen vielfältigen Ausgaben und vergessenem Humanisten stieß eines Tages auf das Mißtrauen eines kenntnisreichen niederländischen Bücherfreundes, des F.B. Kruitwagen ( 1954 verstorben ). In einem Beitrag in „Het Boek“ von 1926 fand er, nach genauem Vergleich der oben angeführten handschriftlichen Eintragung in dem Exemplar der Den Haager Bibliothek, des Rätsels Lösung: Aegidius Suchtelensis war nicht der Verfasser der Elegantiae, vielmehr hatte der Lateinschüler Aegidius aus Süchteln, mit seinem gekritzelten Namenszug auf dem Titelblatt des ihm gehörenden Lehrbuches, sich lediglich als der um 1500 lebende und die Schulbank drückende Besitzer der Schrift dokumentiert.

Unbeabsichtigt und unverdient ist so der aus der Stadt Süchteln stammende Lateinschüler zu großem literarischen Ansehen gekommen, das erst in späteren Zeiten Gelehrte und „echte“ Autoren aus Süchteln oder solche mit dem Namen ‚van Suchtelen’ für sich beanspruchen können ( Der Katalog des Britischen Museums in London nennt für die Zeit zwischen 1718 und 1950 sieben bedeutende niederländische Autoren mit dem Namen ‚van Suchtelen’ ). Ein Ruhm jedoch bleibt dem entthronten Autor, denn er hat seinen Namen der Nachwelt erhalten und auf eine gewiß originelle Weise dem alten Spruch neue Wahrheit verschafft: „Wer schreibt, der bleibt!”

Diese Ansicht Süchtelns aus dem Codex Welser von 1723 hat, so wie die Geschichte des Humanisten Aegidius Suchtelensis als Verfasser der Elegantiae, leider recht wenig mit der Realität gemein.

zurĂĽck