Musikalischer Mittwoch in SĂĽchteln

Wenn in Alt-Süchteln vor vielen Jahrzehnten Musikanten, Orgelspieler, Dudelsackpfeifer, Klarinettenspieler, Tausendkünstler und was es nicht alles unter den Wandermusikanten gab, aufspielten, war das für die Menschen von damals immer ein musikalischer Genuß. Unter den fahrenden Künstlern befanden sich auch verschiedene Originale, die hier in Süchteln, bei der damaligen gemütlichen Einstellung der Bürgerschaft, stets willkommene Gäste waren. Als erstes sei hier „et Pirla-Männke von Anrath“ genannt. Ein kleines, lebhaftes, älteres Männken, mit hellblauen, unruhigen Augen, borstigen, blonden Haaren und heiserer Singstimme. Er besaß eine kleine Orgel, die ebenfalls heiser war und ganz und gar zu seiner persönlichen Aufmachung passte. Wenn er auf dem Bürgermeisteramt von dem damals amtierenden Bürgermeister Odendahl die Erlaubnis zum Spielen erhalten hatte, so ließ er diesen und die ganze Bürgerschaft Süchtelns „hoch-hoch-hoch-leben“. Er war für jeden Pfennig dankbar und wenn er einmal
einen Groschen für seine musikalischen Leistungen erhielt, so erging er sich in überschwänglichen Dankesworten, die er stets in ein „Hoch auf den Spender“ ausklingen ließ. Sein Örgelchen quietschte als einziges Stück „Mein einziger Reichtum ist mein Lied“, welches das Pirla-Männke häufig mit seiner heiseren Stimme begleitete.

 Auch der „Klarinettenspieler von Zint Huppert“ ( St. Hubert ) war ein ganz origineller Patron. Er war geradezu ein KĂĽnstler auf seinem Instrument und nicht selten wurde er zum Weiterspielen aufgefordert, was er auch gerne tat, wenn er dafĂĽr einen Zusatzgroschen erhielt. Am liebsten spielte er das Lied: „BrĂĽder, stoĂźt die Gläser an, es lebe der Reservemann“. Jedem, der es hören wollte, erzählte er, dass er in Berlin bei den ‚Maikäfern’ gedient habe. Der Klarinettenspieler von Zint Huppert war eine Frohnatur und zugleich ein Naturfreund. Er hatte die eigenartige Angewohnheit, wenn er an den Fenstern eine besonders schöne Blume blĂĽhen sah, sich von dieser „en Loen“ ( einen Ableger ) zu erbitten, die er dann sorgfältig in sein ‚Ränzel’ ( Ranzen ) verstaute, das stets an seiner Seite hing und in dem sich sein Tagesproviant befand. Sein ganzes Ă„uĂźeres trug den Stempel eines echten KĂĽnstlers, er hatte ziemlich langes, wallendes Haar, trug weiten Legkragen mit groĂźer KĂĽnstlerschleife und hatte ein glattrasiertes Gesicht.

Der später nachgefolgte Klarinettenspieler “Et Scheefhälske” ( um 1938 )

„De sieve Gebröer“ ( Die sieben Gebrüder ) wurden sieben Musikanten genannt, die jahrelang häufiger im Jahr nach Süchteln kamen und hier mit Pauken und Trompeten ihre Kunst darboten. Wenn auch sonst verschieden gekleidet, trugen sie doch alle sieben eine Einheitsmütze, die einer Militärmütze von damals ähnlich sah. Der Herr „Kapellmeister“ hatte außerdem „Schwalbennester“ aufgenäht. Ihre Lieblingslieder waren: „Muß i denn...“ und „Wenn die Schwalben heimwärts ziehn...“. Die sieben machten eine „durchschlagende“ Musik und wenn sie in einer Straße Süchtelns loslegten, dann flogen Tür und Fenster auf. Sie waren eben gern gesehene Gäste.

 â€žDer TausendkĂĽnstler“, der seit vielen Jahrzehnten von der Bildfläche verschwunden ist, war, wenn er hier seine Kunst zeigte, besonders fĂĽr die Kinder immer ein Erlebnis. Auf dem Kopf trug er einen spitzen Messinghut mit hellklingenden Schellen. AuĂźerdem trug er auf dem RĂĽcken eine Pauke mit Triangel, die durch schmale Riemen, die an einem Schuh befestigt waren, in Tätigkeit gesetzt wurden. Sodann spielte der TausendkĂĽnstler noch Harmonika dabei. Diese Leute hatten einen auĂźerordentlich schweren Beruf und verdienten
die ihnen ĂĽberreichten Pfennige recht sauer.

 Ein originelles und sehr musikalisches Paar hier in SĂĽchteln waren der „Alte Blum“ und seine bessere Hälfte „Mathilde Blum“. Er war ein groĂźer alter Mann mit starkem Vollbart. Stets trug er einen groĂźen, schwarzen Kalabreserhut. Seine Haltung war wĂĽrdevoll und man hatte von ihm den Eindruck, dass er mal bessere Tage gesehen hatte. Seine Frau, die Mathilde, war stets mit einem sogenannten Brabanterdoppelschal behangen, dessen Zipfel ĂĽber die Erde schleifte. Wenn man von Frau Mathilde einen Steckbrief hätte loslassen mĂĽssen, so hätte man unter besondere Kennzeichen setzen mĂĽssen: Schleifender, bunter Brabanterdoppelschal und – schiefe Absätze. Sie war es auch, die es verstanden hatte, die Person ihres Mannes mit einem geheimnisvollen, romantischen Schleier zu umgeben, indem sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit erzählte, dass ihr Mann aus einer verarmten Grafenfamilie stamme und ein ganz echter Graf sei. Sie sangen im Duett: „Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten“ und „Das Lied vom verarmten Grafen“.

Orgelspielerin auf der HochstraĂźe ( um 1938 )

„Der blinde Harmonikaspieler“, der jährlich einige Male nach Süchteln kam, war auf seinem Instrument ein Künstler. Von einer kleinen hageren Frau begleitet, die ihn führte und die auch das Geld einholte, spielte er die schönsten Lieder und Märsche. Als früherer Bergmann hatte er durch einen zu früh losgegangenen Sprengschuß das Augenlicht gänzlich verloren und zog nun als blinder Musikus durch die Welt. Manchmal ließ er seine kräftige Baritonstimme erschallen und ein sentimentales Lied erklang dann durch die engen Straßen und Gassen Süchtelns.

 â€žFranz von Köln“ ( ein kölscher Italiener ), so wurde hier damals ein groĂźer stattlicher Orgelspieler genannt, der auĂźer an jedem Mittwoch auch an den Kirmestagen hier anzutreffen war. Er gestatte gern, dass lustige BrĂĽder seine Orgel drehten und mancher alte SĂĽchtelner, der in frĂĽheren Jahren die Orgel des Kölschen Italieners gedreht hat, hat sich gerne noch lange dieses stattlichen und freundlichen Mannes erinnert.

 â€žDer Dudelsackpfeifer“ war in SĂĽchteln eine recht seltene Erscheinung. Man
hatte offenbar zur damaligen Zeit für diese Kunstart wenig Verständnis. Die Dudelsackpfeifer, meist Leute vom Balkan – Kroaten, Slowenen und Serben – fanden hier durch ihr fremdländisches Aussehen und die Eigenart ihres Instrumentes nicht immer die erhoffte Aufnahme, obgleich unter ihnen manch guter Künstler gewesen sein mag. Immerhin war der Dudelsackpfeifer um 1880 ein Erlebnis für die Bürschchen, wenn er hier seine eigenartigen Weisen spielte und oft folgten sie stundenlang seinen Spuren, hoben ihm die Pfennige auf, die aus den Fenstern flogen und trugen ihm diese zu, wofür er dann stets dankbar lächelnd nickte.

Ein Trompeter in SĂĽchteln ( um 1938 )

„De Koffere“ oder „de Harfelieskes“ wurden in damaligen Jahren jene Frauen und Mädchen genannt, die an den Kirmestagen mit Harfe und Geige von einem Lokal zum anderen zogen. Diese Künstlerinnen stammten zumeist aus dem kleinen Ort Koffern aus dem Jülicher Land. Während sie in den Sommermonaten mit ihren Musikinstrumenten von einer Kirmes zur andern zogen, um in den Wirtschaften aufzuspielen und ihre neusten Lieder ertönen ließen, beschäftigten sich diese Leute im Winter mit Korbflechten. Was besonders an diesen fahrenden Musikanten auffiel, war die einfache und praktische Kleidung mit dem damals modernen Regenmantel, an dem sich Knöpfe befanden, die so groß waren, dass man bequem ein Wiener Schnitzel darauf hätte servieren können. Ohne die „Koffern“ hätte man sich früher eine Süchtelner Kirmes nicht denken können. Das alte stürzt – es ändert sich die Zeit – und nur neue „Koffern“ sah man dann noch im Städtchen. Sie kamen jedoch nicht mehr von Koffern, sondern aus dem Thüringer Land.

 â€žEt Flötemännke“, der Lumpensammler, war Ende der 1870er Jahre eine bekannte Erscheinung. Er gehörte zwar nicht zu den Mittwochsmusikanten, die erst auf dem BĂĽrgermeisteramt Erlaubnis zum Spielen einholen mussten, sondern er kam, wann
er wollte; betrieb er doch neben seiner Kunstpfeiferei einen schwungvollen Lumpenhandel, daher wurde er auch hier vielfach „Plaggemännke“ genannt.
Das bekannteste und beliebteste Flötemännke wurde von den Kindern damals „Flötemännkes Mattes“ genannt. Wenn die Kinder ihm die Lumpen zutrugen, durften sie auf angemessenen Gegenwert rechnen, indem sie bunte Papiermühlen, Orden- und Ehrenzeichen sowie Lakritzstangen dafür erhielten. „Flötemännkes Mattes“ war auf seiner 10-Pfennig-Flöte ein großer Künstler, denn er spielte auf seinem Instrument stets die neusten Schlager.

Nach der Vorstellung gab’s ein paar Pfennige oder mal einen Groschen
( alle Fotos von Wilhelm Ling um 1938 )

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