Albrecht Hurtmanns Wurfmaschine

Die Geschichte von Albrecht Hurtmanns Wurfmaschine beginnt im mittelalterlichen Spanien. Dort baute ein französischer Zirkusartist namens „du Trampoline“ ein SprunggerĂ€t, dessen unzĂ€hlige Nachahmungen heute noch seinen Namen tragen. Als Luftakrobat hatte er das Fangnetz der Trapez- und HochseilkĂŒnstler zu einem Schleuderbrett fĂŒr federnde AbsprĂŒnge weiterentwickelt. Es dauerte viele Jahre, bis um 1928 in den USA der ehemalige Sportlehrer George Nissen fĂŒr seine Akrobatenkollegen ein AbsprunggerĂ€t fĂŒr SaltosprĂŒnge baute. Es diente zunĂ€chst ausschließlich der Unterhaltung. Als Mitglied der Artistengruppe „Leonardos“, die durch ihre VorfĂŒhrungen in den USA und in Mexiko auf dem Trampolin bekannt wurden, verbesserte er 1939 sein GerĂ€t und ließ es als Nissen-Trampolin patentieren. SpĂ€ter verbesserte er noch die Übungsmethoden und erstellte das erste Lehrbuch, die ersten Richtlinien und die ersten Regeln. Nissen wurde damit zum Wegbereiter des modernen Trampolinturnens. In den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts kam das Trampolin dann endlich auch nach Europa.

An dieser Stelle betritt nun der 1912 geborene SĂŒchtelner Weber Albrecht Hurtmanns die BĂŒhne. Er hatte beim Besuch einer Zirkusvorstellung die kunstvollen SprĂŒnge, Drehungen und ÜberschlĂ€ge der amerikanischen Artisten bewundert und war sofort von dieser scheinbar schwerelosen Art zu fliegen fasziniert. Der Gedanke, eine eigene „Wurfmaschine“ zu bauen ließ ihn fortan nicht mehr los und nach etlichen Überlegungen und vielen GesprĂ€chen mit seinen Turnerkollegen faßte er 1948 den Entschluß den Traum wahr werden zu lassen. Da die finanziellen Mittel fehlten, verabredete man sich schließlich, um sich heimlich mit Beil und SĂ€ge bewaffnet, im Schutze der Dunkelheit in die SĂŒchtelner Höhen zu begeben und das Holz fĂŒr den Rahmen zu schlagen. Auf FahrrĂ€dern brachte man es in die Werkstatt der Firma Peter Geusen und machte sich dort sogleich in mĂŒhevoller Arbeit ans Werk. Nachdem der Rahmen fertiggestellt und das dazugehörige Sprungnetz aus SchnĂŒren gestrickt war, brauchte man nur noch AutoschlĂ€uche in dĂŒnne Streifen zu schneiden, um alles auf Zug und Spannung zu bringen. Doch dies war einfacher gesagt, als getan. Das vorhandene Werkzeug war derart ungeeignet, daß man nach wenigen schmerzhaften Schnitten bereits blutige Finger bekam und schon der nĂ€chste ran mußte. Aber auch diese HĂŒrde ĂŒberwand man mit fast besessenem Eifer und endlich war es soweit. Die erste Wurfmaschine war fertig. Wie stolz man auf das Geschaffene und wie groß die Vorfreude auf den ersten Sprung war, kann man sich wohl vorstellen. Umso grĂ¶ĂŸer war die EnttĂ€uschung, als der Holzrahmen, der enormen und stark unterschĂ€tzten Spannung des Netzes bei den ersten Sprungversuchen nicht widerstand und sich durchbog, bis die Konstruktion nach einigen wenigen SprĂŒngen schließlich ganz zusammenbrach. Doch Hurtmanns ließ sich durch diesen RĂŒckschlag nicht entmutigen und bald schon hatte er eine alternative Planung parat: Ein stabiler Rahmen aus Metallrohren musste her. Nach erheblichen Schwierigkeiten, die entsprechenden Rohre aufzutreiben, machte man sich erneut ans Werk. Das nötige Werkzeug und die Anleitung zum Feilen, Schweißen und Gewindeschneiden wurde den Pionieren vom selbstĂ€ndigen Installateur Geusen, in dessen Werkstatt bereits das erste Trampolin entstand, zuteil. Und dann war es erneut soweit. Schon bei den ersten zaghaften Versuchen erwies sich der Metallrahmen als stabil genug und die ersten SprĂŒnge lösten wahrlich unbeschreibliche GlĂŒcksgefĂŒhle aus.

In der Anfangszeit diente das GerĂ€t den Turnern mehr dem VergnĂŒgen, als dem Sport. Da es zu dieser Zeit allerdings noch kaum Regeln und Richtlinien fĂŒr die Benutzung der Wurfmaschine gab, ging es beim Springen meist mutig und waghalsig zu. WĂ€hrend manche mehr Ă€ngstlich auf dem Netz hĂŒpften, versuchten sich andere schon in kleinen KunststĂŒckchen. 1951 grĂŒndete dann die Turnerschaft Germania SĂŒchteln die erste Trampolinabteilung Europas. Eine Zeitlang trainierte man in der alten Turnhalle im heutigen Weberhaus und spĂ€ter in den von Hurtmanns angemieteten RĂ€umen in der Fabrik Rossie am Heidweg. Bei gutem Wetter ĂŒbte man auch schon ’mal unter den ObstbĂ€umen in Hurtmanns Garten im Hagenbroich. Hurtmanns, von der Idee des Trampolinturnens in SĂŒchteln besessen, ermöglichte durch enorme Initiative und auch finanzielle Opfer die DurchfĂŒhrung der neuen Sportart. Auch spĂ€ter war er als Verantwortlicher regelmĂ€ĂŸig in der Turnhalle und gab Anweisungen zu AusfĂŒhrung und Haltung bei den einzelnen SprĂŒngen. Albrecht Hurtmanns, der Vater des SĂŒchtelner Trampolinturnens und Erbauer des ersten Trampolins in Deutschland, starb 1984 im Alter von 72 Jahren.

Albrecht Hurtmanns ( unten links im weißen Trikot ) mit dem fahrbaren Trampolin des „Zirkus Germania“ beim Rosenmontagsumzug 1964 in SĂŒchteln

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